Ostseezeitung, 06. November 2010 | Greifswald
Greifswald Aliki Keramidas aus Frankfurt am Main kann wieder lachen, ungezwungen und mit einem ganz breiten Grinsen. Dieses völlig neue Lebensgefühl verdankt die 31-Jährige Prof.
Henry Schröder, dem Direktor der Klinik für Neurochirurgie des Greifswalder Universitätsklinikums. Er führte an der Patientin eine endoskopisch-assistierte Gehirn-OP durch und befreite sie so von ihrem Hemispasmus facialis. Auf gut Deutsch: Die junge Projektmanagerin litt an dauernden Zuckungen im Gesicht. „2008 begann es. Erst zuckte nur das Augenlid. Doch dann wurde es immer schlimmer und hielt 24 Stunden am Tag an, selbst nachts beim Schlafen“, berichtet sie.
Unter einem Hemispasmus facialis (Facialis = motorischer Gesichtsnerv, Spasmus = Krampf) versteht man unwillkürliche, plötzlich einschießende, einseitige Kontraktionen der Gesichtsmuskulatur. Die Spasmen dauern Sekunden bis Minuten, in schweren Fällen können sie ständig vorhanden sein. Bei letzteren ist häufig eine Gesichtslähmung zu beobachten. Ursache ist eine Kompression, ein Druck auf den motorischen Gesichtsnerv am Hirnstamm durch eine Gefäßschlinge. Durch das ständig pulsierende Blut kommt es zu einer Schädigung der Nervenwurzel, die zu spontanen Entladungen führt und dadurch die Spasmen auslöst.
2009 suchte Aliki Keramidas einen Neurologen auf, der ihr sagte, dass ein Hemispasmus unheilbar sei und eine Linderung nur mit Botox-Spritzen erreicht werden könne. „Eine niederschmetternde Diagnose“, bekennt die Mutter eines zweijährigen Kindes. Die erste Botoxspritze vertrug sie überhaupt nicht, „mein Gesicht war völlig verschoben. Also suchte ich im Internet nach möglichen Alternativen“, erinnert sie sich. Beim Googeln stieß sie bald auf die Internetseite des Universitätsklinikums und Prof. Schröder. „Ich las von der OP und dass die Patienten danach fast alle komplett geheilt sind. Auch in verschiedenen Internetforen schwärmten Betroffene aus Deutschland und Österreich von Prof. Schröder. Ich habe sofort in Greifswald angerufen“, so die Frankfurterin.
Vergangene Woche wurde sie nun operiert. „Dabei wird der Gesichtsnerv im Kleinhirnbrückenwinkel freigelegt. Die Gefäßschlinge wird mit einer Teflon-Plombe vom Nerv weggehalten. Der Einsatz eines Endoskopes ist deshalb vorteilhaft, weil Nerven und das komprimierende Gefäß genau inspiziert werden können. Die Heilungschance bei dieser Methode liegt bei 85 Prozent“, erläutert Prof. Henry Schröder. Die junge Frau ist wieder vollkommen gesund — seitdem hört sie gar nicht mehr auf zu lachen, so freut sie sich.
Der Professor weiß, dass er in Deutschland der Einzige ist, der diese spezielle OP-Methode anwendet. Seit er in der Gesundheitssendung „Visite“ aufgetreten ist, rennen ihm Betroffene förmlich seine Klinik ein. „Sogar aus Kasachstan hat sich eine Frau gemeldet“, berichtet er. 120 Patienten mit Hemispasmus bzw. mit Gesichtsschmerz hat der sympathische Mediziner aus Vorpommern schon operiert. „Ich rechne mit weiteren Anfragen“, bekennt er.
Auch Aliki Keramidas will andere Hemispasmus-Patienten sofort nach Greifswald schicken. Noch immer ist sie empört, dass ihr Neurologe behauptete, es gäbe keine Heilung. „Warum tut er so was?“, fragt sie. Die Antwort ist einfach: Eine Botox-Spritze kostet 500 Euro. Hemispasmus-Patienten bekommen sie ohne OP alle drei Monate, ein Leben lang. Wird erfolgreich operiert, ist der Hemispasmus weg und Botox überflüssig . . .
CORNELIA MEERKATZ