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Nachruf auf Herrn Prof. Dr. med. Harald J. Freyberger (1957–2018)

Prof. Dr. Harald Freyberger – Foto: Jan Meßerschmidt
Prof. Dr. Harald Freyberger – Foto: Jan Meßerschmidt

Prof. Dr. med. Harald Jürgen Freyberger wurde nur 61 Jahre alt.  Der plötzliche Tod kam für uns alle unerwartet und riss ihn am 6.12.2018 mitten aus dem Leben. Er war von 1997 bis zu seinem Tod Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universitätsmedizin Greifswald. Prof. Freyberger war über zahlreiche Leitungsaufgaben, Forschungs- und Lehrprojekte national und international vernetzt – sein Tod berührt sehr viele Menschen.

Er war seit 1997 auch Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Stralsunder Klinikum. Durch einen Kooperationsvertrag wurde die dortige Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Jahr 1997 bis zur endgültigen Kündigung des Vertrages im Jahre 2016 in den Status einer Universitätsklinik gehoben. Somit hat Prof. Freyberger das Fach Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin und die Klinik am Standort Stralsund entscheidend mitgeprägt. In dieser Zeit wurden zahlreiche erfolgreiche Forschungsprojekte durchgeführt und klinisch-psychotherapeutisch neue Standards etabliert. Die Versorgung psychisch kranker Menschen lag Herrn Prof. Freyberger besonders am Herzen. So konnte er in dieser Zeit mit seinem Team Tageskliniken und Institutsambulanzen in Greifswald, Stralsund, Bergen auf Rügen, Ribnitz-Damgarten und Grimmen gründen.

In seinen Forschungsprojekten war er sich stets der gesellschaftlichen Dimension der Psychiatrie bewusst. Schon früh in seiner Laufbahn beschäftigte er sich mit den psychischen Spätfolgen von KZ-Haft und Kriegstraumatisierungen. Später initiierte er die medizinhistorische Aufarbeitung der NS-Zeit und der sogenannten „Aktion T4“  in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere in Stralsund, im Rahmen derer weit über 1000 Patienten und Bewohner der damaligen Psychiatrischen Heilanstalt im Klinikum West deportiert und getötet wurden. In der Folge widmete er sich der Aufarbeitung der Psychiatrie während der DDR-Zeit, den psychischen Langzeitfolgen von „Zersetzungen“ politisch anders Denkender und den psychischen und körperlichen Folgen von systematischem Doping von Leistungssportlerinnen und -sportlern in der DDR.

Prof. Freyberger vermochte es, ein aktives und begeisterungsfähiges Team aufzubauen. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen konnten im weiteren Verlauf ihre Karriere erfolgreich fortsetzen: Prof. Sven Barnow übernahm die Leitung des Instituts für Psychologie der Universität Heidelberg, Frau Prof. Dr. med. Manuela Dudeck wurde Ärztliche Direktorin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm am  Bezirkskrankenhauses Günzburg und Prof. Dr. med. Hans Jörgen Grabe wurde Leiter der heutigen Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Greifswald. Prof. Dr. Carsten Spitzer, langjähriger Mitarbeiter und Vertrauter von Prof. Freyberger wird nach mehreren Jahren in Hamburg und Göttingen, wo er derzeit noch als Ärztlicher Direktor des Fachklinikums in Tiefenbrunn tätig ist, im Mai 2019 als Lehrstuhlinhaber für Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätsmedizin Rostock an die Ostsee zurückkehren.

In Hamburg geboren, studierte Prof. Freyberger von 1980 – 1986 Medizin am UKE in Hamburg und in Zürich. Von 1986-1996 absolvierte er unter Prof. Horst Dilling an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität zu Lübeck seine Facharztausbildung, wurde Oberarzt und habilitierte sich über diagnostische und klassifikatorische Aspekte psychischer Störungen. Zwischen 1996 und Ende 1997 war er als leitender Oberarzt in der Universitätsklinik Bonn bei Prof. Dr. Wolfgang Meier tätig. Nicht zuletzt die Sehnsucht nach der Ostsee und der Weite des Himmels ließ Herrn Prof. Freyberger nicht lange zögern, den Ruf auf die Professur nach Greifswald anzunehmen. Ohne Zweifel war der Neuaufbau der universitären Psychiatrie am Standort Stralsund eine herausragende Lebensleistung. Seinen Wunsch nach einer Rückkehr der universitären Psychiatrie an die Universitätsmedizin Greifswald sah er 2015 mit der Neugründung der dortigen Klinik erfüllt.  

Die Studierenden haben einen Lehrer verloren, der mit viel Erfahrung und Begeisterung psychisches Leben und Erleben jedem nahe bringen konnte. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben eine Führungspersönlichkeit verloren, die mit viel Verständnis, Verbindlichkeit und oft auch einfach als Vaterfigur dabei half, das Berufsleben spannend und persönlich zugleich zu gestalten. Die Hochschullehrerinnen und -lehrer haben einen Kollegen verloren, der mit einem oft etwas anderen, unaufgeregten Blick auf die Dinge emotionale Einsichten und gesunde Distanz erzeugen konnte – Fähigkeiten, die wir schmerzlich vermissen werden. Wir fühlen in diesen Tagen insbesondere mit seiner Familie und seinem engsten Freundeskreis – der Verlust des weiteren gemeinsamen Lebens erscheint unbegreiflich und unermesslich.

Prof. Dr. med. Hans J. Grabe